LAKS im Dialog
Altentanztheater Zartbitter in der Tanz- und Theaterwerkstatt
Das soziokulturelle Zentrum Tanz- und Theaterwerkstatt Ludwigsburg (TTW) zeichnet sich ganz besonders durch seinen partizipativen Ansatz aus. Folgerichtig ist die TTW die künstlerische Heimat des Altentanztheaters ZARTBITTER. Das Ensemble besteht aus 14 Tänzerinnen und Tänzern zwischen 60 bis 80 Jahren, die Künstlerische Leitung hat seit 15 Jahren die Stuttgarter Choreografin Lisa Thomas, die das Ensemble jetzt in jüngere Hände übergibt.
In ihrer neuesten Produktion CAREambolage wirft ZARTBITTER einen überraschenden Blick auf das Thema Pflege. Figuren, Material, alltäglich-poetische und absurde Bewegungen von Alt und Jung zeichnen ein Spiel zwischen Realität und Fiktion. Die Premiere ist am 17. April 2026, nach der letzten Vorstellung am 19. April wird gefeiert. Die LAKS sprach mit der Stellvertretenden Geschäftsführerin der TTW Gordana Ancic, mit der Choreografin Lisa Thomas sowie Ensemblemitgliedern von ZARTBITTER.
LAKS: Die Tanz- und Theaterwerkstatt bietet nicht nur viele Kurse und Veranstaltungen an, sondern beherbergt auch das Altentanztheater ZARTBITTER. Tanzensembles sind meistens mit Tänzer*innen unter 30 Jahren besetzt. Wie kamt ihr dazu, ein Altentanztheaterensemble zu gründen?
GORDANA ANCIC: Das haben wir zusammen mit der Choreografin Lisa Thomas entwickelt, sie hat 2008 in ihrem Kurs „Alltagsferne Bewegung und Begegnungen“ hier gestartet und da waren bereits viele Menschen dabei, die sich auch im Alter auf einer Bühne zeigen wollten. Und daraus ist dann gemeinsam die Idee entstanden, hier wirklich ein Altentanztheater-Ensemble zu etablieren, weil es das so noch nicht gab. Seniorentheater schon, aber Tanz nicht. Wir haben hier in der Karlskaserne dann auch die erste Produktion gezeigt: „Tanzgeschichten im Taschenformat“. Wir wollen ein Ort für alle Generationen sein, deswegen ist es auch wirklich was Besonderes, einen Altentanztheater-Ensemble zu haben.
LISA THOMAS: Zuvor hatten wir hier im Kunstzentrum Karlskaserne auch schon mit der TTW zusammen eine private Initiative von älteren Tänzer*innen, die aufgrund eines Films von Pina Bausch sagten, sie möchten gerne ein Altentanztheater gründen. Da waren viele Menschen aus Stuttgart dabei. In Stuttgart haben wir allerdings keinen Ort gefunden, wo wir ein Altentanztheater gründen konnten. Also weder am Theater noch an der Volkshochschule, nirgendwo. Und dann dachte ich, hier in der TTW ist der richtige Geist dafür da. Wir konnten dann zusammen nochmal einen richtig guten Neustart mit diesem neuen Namen machen.
LAKS: Es gibt ja Ensembles von Profitänzer*innen, die dann im Alter weiter tanzen, DANCE ON zum Beispiel, aber das ist nochmal etwas anderes als euer partizipativer Ansatz.
GORDANA ANCIC: Das aufzugreifen, was Menschen bewegt und was sie gerne machen wollen und dafür einen Ort und einen Raum zu bieten, das ist uns allen gemeinsam ein Anliegen.
LISA THOMAS: Es waren keine Menschen mit Tanzerfahrung. Die meisten waren im Mineralbad Berg oft schwimmen. Aus der Schwimmbewegung entstand die Tanzbewegung.
LAKS: Lisa, du bist bereits seit 2008 die Choreografin des Ensembles ZARTBITTER und ihr habt ja schon sehr unterschiedliche Stücke erarbeitet. Jetzt hat das aktuelle Stück CAREambolage zum Thema Pflege Premiere. Wie kamst du zu diesem großen gesellschaftlichen, auch schmerzhaften Thema?
LISA THOMAS: Es war ein Wunsch von mir, dass ich das letzte Stück zu diesem Thema mit ZARTBITTER mache, bevor ich die künstlerische Leitung abgebe. Ich möchte mich nochmal gesellschaftspolitisch relevant äußern mit dem Ensemble. Wir beschäftigen uns mit relevanten Dingen, unabhängig von einem Amateur- oder Profistatus. Und diese Nähe finde ich besonders mutig. Wir tanzen etwas, was uns selbst tangiert. Einmal, weil wir schon so viel Lebenserfahrung haben, und weil wir nicht wissen, ob wir auch in den Zustand kommen, wo wir das selbst erleben. Mit diesen Erfahrungen und unseren älteren Körpern, die so viel auch für sich erzählen, sind wir schon Teil der Debatte. Wir müssen die Betroffenheit nicht extra spielen. Es wird einfach klar. Und dann gibt es noch diese andere Seite, dass viele alte Menschen andere alte Menschen versorgen. Ich weiß, dass meine 84-jährige Mutter meinen 87-jährigen Vater einfach begleitet hat, bis zur Erschöpfung. Und nachher kränker war als vorher. Das sind auch ein paar Fakten.
LAKS: Bei der aktuellen Produktion sind Performer*innen zwischen 60 und 80 Jahren dabei. Das ist sehr eindrucksvoll. Und dazu zwei jüngere Tänzer*innen, Marianne Roche und Pascal Sangl sowie eine Figurenspielerin. Wie ist die Arbeitsweise bei ZARTBITTER und wer kann mitmachen?
RAINER / ZARTBITTER: Mitmachen kann, wer sich bewirbt und aufgenommen wird. Ich bin der Letzte, der dazugekommen ist. Ich wollte hier dabei sein, weil ich es gut finde, nicht aufzuhören mit Tanzen. Ich tanze schon lange und ich bin jetzt endlich 60 geworden, darf also mitmachen. Ich hatte einen schweren Unfall, das heißt, ich habe selbst erlebt, was es bedeutet, in völliger Abhängigkeit zu sein. Dadurch finde das Thema auch unglaublich spannend, obwohl ich der Jüngste bin. Ich habe vier Jahre gekämpft, wieder tanzen zu können und das kann ich jetzt wieder. Und dann heißt die nächste Frage, wird man angenommen, passt man in das Ensemble.
LAKS: Was bedeutet „Generation“? Was heißt es, zwischen den Generationen und mit verschiedenen Generationen zu arbeiten?
LISA THOMAS: Diese Mischung beschäftigt mich seit ein paar Jahren auch in meinen DANCE YOUR SKIN-Stücken. Es gibt jüngere professionellere Körper, ältere Körper, mittelalte Körper. Es gilt, zu behaupten, dass jeder Körper auch in der sogenannten darstellenden Kunst seinen Platz finden kann. Für das Stück war es auch dienlich, zu sagen, es gibt einfach dynamischere oder kraftvollere Körper, die mehr heben und leisten können als ältere Körper, das möchte ich nutzen. Für die Profis ist es auch eine schöne Bereicherung, mit einem Körper umzugehen, der eine andere Fragilität hat, eine andere Zeit hat und dafür auch künstlerische Mittel zu finden.
GORDANA ANCIC: Es hat das Publikum ganz oft überrascht, in diesen Stücken zu sehen, dass diese Arbeitsweise wirklich künstlerisch ästhetische Bilder entwirft, die vermeintlich ungewöhnlich sind.
HELMUT / ZARTBITTER: Es gibt diese Schubladen, aber ich möchte es als Spektrum sehen. Ein Spektrum im Alter, ein Spektrum im Können. Ich kann halt gewisse Dinge nicht mehr, das ist aber egal. Ich kann mich trotzdem künstlerisch ausdrücken. Und das haben wir in dem Ensemble zunehmend besser hinbekommen. Ich erinnere mich daran, als die jungen Leute gesagt haben, jetzt haben wir euch kennengelernt und wir haben keine Angst mehr vor dem Alter. Das ist eine Ernte dieser Zusammenarbeit. Und deshalb sage ich lieber, wir machen Tanztheater. Ja, ein paar von uns sind älter als 60 (lacht).
LISA THOMAS: In dieser Spannbreite zwischen 60 und 80, da ist für jeden Alter etwas anderes, jeder Körper altert anders. Und wir erleben natürlich als Ensemble auch das Kräfteschwinden. Als Helmut Andreas eingestiegen ist, da hat er noch so eine schwere Gartenbank in die Luft gehalten.
HELMUT / ZARTBITTER: Ich würde heute gerne eine leichtere Bank haben.
IRIS / ZARTBITTER: Ich gehöre auch zu den 60 plus. Was für mich in den Proben bei den Improvisationen und jetzt in der Stückentwicklung spannend ist, ist einfach zuschauen zu können, wie eine ältere Person wirkt. Sie muss nur in dem Bett sitzen und spricht schon so viel, weil sie so viel Geschichte hat. Ich selbst mit 62 merke: So bin ich noch gar nicht. Das kann man nur im Tun erfahren, auch, wie jung man mit 62 ist und wie wirkungsvoll das ist, mit noch mehr Falten und noch mehr Fragilität.
MARION / ZARTBITTER: Wenn es nur um schöne Bewegungen geht, um zu zeigen, wie gut man sich bewegen kann, dann wäre es für mich eine langweilige Geschichte. In den Proben lernen wir Profibewegungen, keine Alltagsbewegungen. Und jeder macht es halt so, wie er es kann und wie er es ausführen kann. Und was es bei uns nicht gibt, sind diese Standardmaße, sondern jeder ist wie er ist. Und egal, wie gut er sich bewegen kann, man findet immer eine Bewegung, die zu der Person passt. Und das finde ich spannend. Durch das Improvisieren, was wir ja oft machen, finden wir unsere eigenen Bewegungen. Es gibt kein Drehbuch, sondern es wird ja wirklich Stück für Stück erarbeitet und selbst kreiert.
Probenfotos Ensemble ZARTBITTER (c) Peter Pöschl und LAKS BW